1. Mit den zwei steinernen Gebotstafeln steigt Mose herunter. Und mit strahlendem Gesicht. Herunter vom Berg, von diesem Berg. Schwer zu sortieren, was er da oben alles erlebt hat: Einsamkeit und Verzicht.Tage- und nächtelang ohne eine Menschenseele, ohne Brot, ohne Wasser. Und zugleich unglaubliche Gipfel-Erfahrungen! Er war auf eine Weise in Gottes Nähe eingetaucht, die er sich selbst nicht erklären kann: Hatte er nicht eben noch Gott wie einen Freund erlebt? Durfte er nicht gerade erst Gottes Güte aus nächster Nähe spüren und hinter seiner Herrlichkeit herstaunen? Und immer wieder auch ganz unmittelbar seine Stimme hören und Einsicht in den göttlichen Willen bekommen? Alles andere war in dieser Zeit auf dem Berg wie ausgeblendet! Die Wüste und die Sorgen da unten – weit weg.
Oder nein: Den Sorgen war aus dieser Himmels-Perspektive jede Schwere genommen. Alles war leicht und im Fluss. Zeit und Raum spielten keine Rolle hier oben. Nur Sehen und Staunen und Hören – und Schreiben. Ja,Schreiben. Er hält die Tafeln fest in seinen Händen. Nichts darf verloren gehen. Kein Buchstabe, kein Gottes-Wort darf vergessen werden. Dieser Bund ist heilig: Gott will bei seinen Kindern sein, und seine Kinder sollen und können nach Gottes Willen leben.
2. Mose hört sie schon. Je näher er kommt, desto deutlicher: Männerstimmen, die sich etwas zurufen. Kinderlärm. Eine Frau, die zur Handpauke singt. Dazwischen immer wieder das Blöken der Schafe. Die vertrauten Geräusche helfen ihm, allmählich wieder in die Erd-Umlaufbahn einzutreten. Mit jedem Schritt bergab lässt er den Ausnahme-Zustand, die Aura des Heiligen hinter sich. Jetzt kann er schon die ersten sehen: Aaron, sein Bruder! Und auch alle die anderen. Mose läuft schneller. Weit nach oben streckt er seine Arme und die Steintafeln: Gleich wird er ihnen alles zeigen – es gibt so viel, was er ihnen sagen muss! Aber – was ist das denn? Aaron wendet sich ab? Und auch die Männer neben ihm? Sie weichen zurück, halten sich die Hände vor das Gesicht! Wovor um Himmels willen fürchten sie sich nur so? Erst als Mose sie ruft, kommen sie vorsichtig näher. Zuerst der Bruder, dann nach und nach auch die anderen. Große und Kleine, sie umringen ihn, wenn auch mit merkwürdigem Abstand. Und alle mit gesenkten Augen – von den Ältesten bis hin zu den Jüngsten in den Armen der Mütter.
3. Er versteht diese Zurückhaltung nicht, macht sich auch keine großen Gedanken, denn er freut sich ja vor allem, sie wiederzusehen. Zeigt ihnen die Tafeln und beginnt zu reden. Alles, was Gott da oben mit ihm geredet hatte, teilt er mit ihnen. Kein Wort darf vergessen werden von dem Bund, der heilig ist: Gott will bei ihnen sein, und sie sollen und können nach Gottes Willen leben. Schweres kann leicht werden. Aus Sorgen können Chancen werden und Möglichkeiten – in seinem Namen, in Gottes Namen. Er redet anders als sonst, so von innen heraus, fließend und ohne zu stocken. Er redet und redet. Und sie hören ihm auch gern zu, aber irgendwann hört er, was ihm jemand mit gesenktem Blick zuflüstert: Du, Mose, hast du dich verändert? Weil: Du, du redest so schön und stotterst gar nicht mehr? Du strahlst etwas aus, als ob Gottes Glanz auf deinem Gesicht liegt und deine Haut zum Leuchten bringt?! Wir trauen uns gar nicht richtig, dir in das Angesicht zu schauen.
4. Mose stutzt. Befühlt sein Gesicht, die Augen, den Mund: Gottes Glanz auf seiner Haut? Kein Wunder nach allem, was er erlebt hat. Aber es kann jetzt nicht darum gehen, hier als Heiliger vor den Leuten zu glänzen. Und sie womöglich abzuschrecken. Er will ihnen ja nahesein! Er will seinen Schwestern und Brüdern Gottes Wort an das Herz legen, die Gebote, mit denen Gott jedes Menschenleben zum Leuchten bringen will! Mose überlegt nicht lange. Er bedeckt seinen Kopf. Legt sich ein Tuch über das Gesicht. Ein Tuch, dicht genug, um den Glanz abzumildern, damit er nicht blendet. Und dünn genug, um die anderen noch zu erkennen und selbst erkennbar zu bleiben. Dünn genug auch, um es immer bei sich zu haben. Er braucht es ja nicht, wenn er mit Gott redet. Wenn er betet, nimmt Mose das Tuch ab. Er braucht es nur, wenn er mit den Menschen redet. Und – wer weiß? – irgendwann brauchte er es vielleicht gar nicht mehr. Als er wieder mit beiden Beinen auf dem Boden stand. Als seine Erinnerungen allmählich verblassten und der Alltag ihn wieder hatte. Aber das ist ja nicht schlimm, oder? Denn es geht ja nicht um dieses Tuch, um diese Schutzdecke. Es geht auch gar nicht so sehr um Mose. Auch wenn er – nach allem, was in der Bibel von ihm zu lesen ist – ein besonderer Mensch gewesen sein muss, mit besonderem Charisma, mit besonderer Ausstrahlung. Die Bibel verschweigt allerdings nicht, dass er auch dunkle Seiten an sich hatte, dass zu seinem Leben auch blinde Flecken gehörten. Wie übrigens auch bei Elia, dem großen Gottes-Mann.
5. Es geht in der Bibel nicht um strahlende Heilige. Sondern um das, was Menschen zum Strahlen bringt, was aus ihnen heraus leuchtet: Es geht um Gottes Wort, um Gottes Menschen-Liebe, die aus Gottes Geboten leuchtet. Denn seine Gebote wollen ja nichts anderes, als Liebe: Liebe zu deinem Gott, Liebe zu deinem Nächsten, Liebe zu dir selbst.
Und im Evangelium geht es nicht nur um Mose oder Elia. Es geht um alle Menschenkinder. Und um Gottes Liebe, die durch Jesus Christus leuchtet und leuchtet und leuchtet. Damals schon auf dem Berg für Mose und Elia und Petrus und Jakobus und Johannes. Und heute noch für dich und mich und viele andere, in den Höhen und Tiefen des Lebens.
Gott hat sich in Jesus Christus auch mit uns verbündet. Die Gnadensonne scheint bis in das finsterste Tal von Sorge und Kummer. Bringt immer wieder neuen Hoffnungsschimmer in unsere Lebensschatten.
Marcell ist ein junger Mann mit vielen Tattoos auf den Oberarmen. Der Pfarrerin hat er erzählt von den vielen Schattentälern, durch die er schon gegangen ist: Als der Bruder sich das Leben genommen hatte, und als er selbst danach im Burnout gelandet war. Damals hat er angefangen, Gott zu suchen und zu beten. Und hat erlebt, dass er im Schattental nicht allein war. Und dass es eines Tages hinter ihm lag. Jeden Sonntag kommt er nun mit seiner Frau und dem kleinen Sohn in den Gottesdienst. Und ist sehr engagiert, obwohl er in Schichten arbeitet. Als die Pfarrerin ihn vorsichtig fragt, ob er bereit wäre, in der Gemeindeleitung mitzuarbeiten, strahlt er sie an und sagt: Ja! Ich will doch das Licht, das Gott in mir angezündet hat, nicht unter einen Scheffel stellen!
5. Wie schön, wenn Gottes Liebe aus seinen Menschenkindern strahlt! Auch wenn niemand von uns ständig strahlen und leuchten kann, denn immer wieder werden wir angestrahlt und angeleuchtet: Von einem Gotteswort, von Weihnachtskerzen und Herrnhuter Sternen, von einem freundlichen Gesicht, von Gottes Segen. Gottes heiliger Bund leuchtet in unser Leben: Er will bei uns sein. Immer und überall, alleTage bis an das Ende der Welt. Wir sollen und können aus seiner Liebe leben. Schweres kann leicht werden. Aus Sorgen können Chancen werden und Möglichkeiten – bis einmal Zeit und Raum keine Rolle mehr spielen, und wir ganz eintauchen in Gottes Glanz.
AMEN.
WAHRNEHMUNGEN AUF DEM WEG ZUR PREDIGT
2 MOSE 34, 29-35
Im 2. Buch Mose geht es immer wieder um die Tora, um Gottes Gebote und wie sie zu den Israeliten gekommen sind. Dabei spielt Mose als charismatische Autorität und eine Art Mittler eine herausragende Rolle. Da die Mose-Bücher in einem langen Prozess aus vielen verschiedenen Erzählsträngen entstanden sind, kommt es jedoch mitun-ter zu Doppelungen und kleinen Widersprüchlichkeiten. So lässt sich auch die Geschichte vom Sinai und den Zehn Geboten nicht klar rekonstruieren. Im Vorfeld unseres Textes geht es immer wieder um die große Frage:
Wie viel Gottesnähe ist für Menschen möglich und erträglich?
Wieviel oder wie wenig kann und darf ein Mensch von Gott sehen? Dabei kommen verschiedene und eben auch widersprüchliche Ansichten zum Ausdruck, die keine eindeutige Antwort zulassen:
Zunächst steigt Mose hinauf zu Gott auf den Sinai, um die Gebote zu empfangen. Gott wiederum steigt vom Himmel herab, um Mose auf dem Berg entgegen zu kommen. Für alle anderen gilt ein strenges Verbot, den Berg solange zu betreten.
Kurz danach allerdings wird unbekümmert erzählt, dass Mose und viele andere zusammen auf den Berg steigen und Gottes Angesicht sehen. Dann aber wird Moses Bitte, Gottes Herrlichkeit sehen zu dürfen, klar abgewiesen mit dem Hinweis, dass das kein Mensch überleben würde.
Mose darf nur hinter Gott hersehen. Schließlich ist davon die Rede, dass Mose vierzig Tage und vierzig Nächte bei Gott war, um die Worte des Bundes, die zehn Gebote, auf Steintafeln zu schreiben.
Wie viel Gottesnähe ist für Menschen möglich und erträglich?
Wie viel oder wie wenig kann und darf ein Mensch von Gott sehen?
Diese Fragen werden nicht klar beantwortet.
Gottes Sichtbarkeit und Nähe bleiben geheimnisvoll.
Und spiegeln sich noch einmal in dem Glanz auf Moses Gesicht, der für die Menschen um ihn herum kaum auszuhalten ist.
Allerdings hilft hier ein einfaches Tuch. Das übrigens nur an dieser Stelle erwähnt wird. Auch von Moses ́ glänzendem Gesicht ist danach nicht mehr die Rede.
Es geht nicht darum, Mose als Glaubensheld in den Mittelpunkt zu rücken. Er hat seine Aufgabe getan und Gottes Gebote zu den Menschen gebracht.
Und in diesen Worten, in den Geboten, ist Gott den Menschen nahe.
Es bietet sich an, das Evangelium von der Verklärung in der Predigt aufzugreifen. Auch hier geht es um Gottes-Glanz und Unverfügbarkeit.
Diesmal leuchtet Gottes Nähe in Jesus auf, noch vor seiner Kreuzigung und Auferstehung.
Mose und Elia erscheinen und reden mit dem Erleuchteten. Allerdings geht es auch hier nicht um Mose und Elia, sie heben nur den Glanz des Gottessohnes umso deutlicher hervor. Dann verschwinden sie wieder.
Der Gottessohn bleibt. Auch durch das Kreuz hindurch und über Himmelfahrt hinaus bleibt Christus den Seinen nahe.
Wichtig ist es, die Zehn Gebote nicht als etwas Veraltetes, Versteinertes zu betrachten, das durch Jesus Christus überwunden wäre. Es geht nicht um einen Gegensatz wie »Gesetz gegen Evangelium« oder umgekehrt.
Sondern um ein Miteinander. Gott hat sich in der Tora mit dem jüdischen Volk verbunden und außerdem durch Christus mit »aller Welt«.
Auch wenn Christus in der jüdischen Religion nicht als Gottessohn gesehen und angebetet wird, bleiben Juden Gottes Verbündete.
Und auch für Christinnen und Christen bleibt das Dreifachgebot der Liebe (zu Gott, zum Nächsten und zu sich selbst) eine entscheidende Verbindung zu Gott, die der Gottessohn und Jude Jesus uns selbst ans Herz gelegt hat.