Im Jahr 1951 wurden die heutigen Glocken der Michaelskirche eingeweiht. Verbunden damit war die Hoffnung, dass nun eine bessere Zeit angebrochen sei. Der Eberbacher Stadt- und Landbote schrieb damals: "In einer Zeit der furchtbaren Veräußerlichung allen Lebens wollen wir ein Zeugnis dafür gegeben, dass der Aufbau unseres Landes und Volkes sich nicht im Äußeren erschöpfen darf.“ Das neue Geläut war ein Zeichen des Aufbruchs, damit auch innerlich ein neuer Anfang geschehe und die Menschen zu einem neuen Halt im Glauben finden.
Glocke I: Die tiefste Glocke ist die Verkündigungsglocke. Sie trägt die Inschrift:„O Land, Land, höre des Herrn Wort“ (Jeremia 29,22). Der Prophet erinnert daran, dass Gottes Wort nicht nur dem Einzelnen Heil, sondern dem ganzen Land Segen bringt. Damals 1951 standen die schrecklichen Folgen einer Gott und die Menschen verachtenden Nazi-Regierung noch ganz dicht und bedrängend vor Augen. Die Glocke lädt dazu ein, die Botschaft von Gottes Nähe zu hören und auf Gottes Weisungen zu achten.
Glocke II: Die zweite Glocke ist die Glocke der Liebe: „Die Liebe höret
nimmer auf“ (1.Korintherbrief 13,8). In diesem Brief preist der Apostel Paulus die Liebe in den höchsten Tönen. Er endet mit dem beliebten Trauspruch: Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen. Die „Liebesglocke“ läutet, wenn sich im Traugottesdienst ein Paar das Ja-Wort gegeben hat und sich segnen lässt. Mit dieser Glocke wird auch eine halbe Stunde vor Got- tesdienstbeginn vorgeläutet.
Glocke III: Die Gebetsglocke trägt die Aufschrift: „Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, haltet an am Gebet“ (Römerbrief 12,12). Wann immer in der Kirche das Vaterunser gesprochen wird, läutet sie, damit auch die Alten und Kranken, die nicht zum Gottesdienst kommen können, am Gebet der Gemeinde teilnehmen können. Als mittlere Glocke verbindet sie Hoffnung mit Geduld, Fröhlichkeit mit dem Festhalten am Glauben in schwierigen Zeiten. Diese Glocke läutet auch, wenn die Konfirmandinnen und Konfirmanden eingesegnet werden.
Glocke IV: Sie ist gleichzeitig die Tauf- und die Totengedächtnisglocke. Sie trägt die Aufschrift: Christus spricht: „Ich bin die Auferstehung und das Leben“ (Johannesevangelium 11,25.).
Früher zeigte diese Glocke - wie heute noch auf den Dörfern - an, dass ein Gemeindeglied verstorben war. Damals, 1951, hatte sie auch noch den Klang der Erinnerung an die Gefallenen und Opfer des Krieges.
Als Taufglocke erinnert sie uns daran, dass wir als Getaufte zu unserem auferstanden Herrn gehören. Er ist „unser einziger Trost im Leben und im Sterben“, wie es der Heidelberger Katechismus so einprägsam formuliert. Wann immer ein Kind oder ein Erwachsener auf den Namen Gottes des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes getauft wird, hören wir sie. Friedrich Schiller dichtet dazu: „Mit der Freude Feierklange / Begrüßt sie das geliebte Kind / Auf seines Lebens erstem Gange / Den es in Schlafes Arm beginnt“.
Glocke V: Die kleinste Glocke ist die Lobglocke - mit der Inschrift: „Alle Welt lobe den Herrn!“ (Psalm 150,6). Dieser Vers beschließt den Psalter mit seinen 150 Lob- und Klage-Psalmen. Das Lob Gottes, das die Glocken über alle Dächer hinweg tragen, führt uns Christen zusammen. Lebendig und kraftvoll wird und bleibt unser Glaube nur, wenn er sich hineinnehmen lässt in das Lob Gottes in der Gemeinde.
Meist läuten mehrere Glocken zu- sammen. Das volle Geläut erklingt, wenn die Gemeinde an einem Sonntag oder Festtag zum Gottesdienst gerufen wird. Bei einem separaten Tauf- oder Klein- und Groß-Gottesdienst läuten die Glocken II, III und IV. Zu Beginn einer Bestattung läuten die Glocken I, II und III.
Das volle Geläut läutet außerdem am Hl. Abend die Weihnacht ein, in der Silvesternacht das Neue Jahr und in der Osternacht den Tag der Auferstehung Jesu Christi.
Gebetsläuten: Unter der Woche läuten die Glocken folgendermaßen: Zum Morgen- und Abendgebet läutet die Glocke II, zum Mittagsgebet die Glocke III. Am Samstagabend wird mit allen fünf Glocken gemeinsam der Sonntag eingeläutet. Gleichzeitig erklingen in der Stadt die Glocken von St. Johannes Nepomuk. Sie sind mit den Glocken der Michaelskirche harmonisch abgestimmt, sodass sich ein richtiges Konzert ergibt.
- Ekkehard Leytz -
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